18 Pfarrer in einer Ecke

Wenn man vom Ort Beerbach in Richtung Kirche geht, dann trifft man nacheinander auf verschiedene Gebäude und Anlagen, die in ihrer Bezeichnung den Begriff „Pfarr“ enthalten. Da ist zuerst die Straßenbezeichnung „Pfarrhof“, und das erste Gebäude links ist die ehemalige Pfarrschule.
Es folgt das Pfarrhaus mit dem Pfarramt und der Pfarrwohnung inmitten des großen Pfarrgartens, gegenüber der kleine Pfarrstadel, schließlich als Mittelpunkt der gesamten Anlage die Pfarrkirche, in deren Schatten sich die Pfarrgräber befinden, und am Kirchenweg nach Neunhof der Pfarrpfründeweiher.

Woher genau das Wort 'Pfarr' sprachgeschichtlich stammt, darüber sind sich die Wissenschaftler nicht ganz einig. Ist es deutschen Ursprungs, dann könnte es sich von 'Pferch' ableiten, ein eingegrenzter, umhegter Bezirk, in dem ein Pfarrer für seine „Schäflein“, also die Gemeindeglieder, tätig ist.

Schenkt man der Ableitung aus der griechischen „paroika“oder lateinischen Sprache „parochia“ mehr Gehör, so kommt man allerdings zu dem gleichen Ergebnis, denn auch diese Wörter bezeichnen ein räumlich begrenztes Gebiet, das von einem „parochus“ (Pfarrer) betreut wird. In der Tat spricht auch das Kirchenrecht von der Pfarrei als einem örtlich abgegrenzten Seelsorge- und Verwaltungsbezirk, in dem ein oder mehrere Pfarrerinnen und Pfarrer tätig sind.

Bei dem Wort „Pfarramt“ denken wir gewöhnlich an eine Dienststelle, der ein Geistlicher verantwortlich vorsteht und dabei von einer Sekretärin unterstützt wird. Das dem Pfarrer bei seiner Installation übertragene Pfarramt umfasst allerdings weit mehr als die oft zeitraubende Verwaltungstätigkeit, im Mittelpunkt stehen vielmehr die Verkündigung des Wortes Gottes, die Verwaltung der Sakramente (Taufe und Abendmahl), die Unterweisung (z. B. im Konfirmandenunterricht) und nicht zuletzt die Seelsorge.

In unserer Gemeinde waren bisher seit 1520 40 Geistliche tätig. Sie dienten der Gemeinde mit ihren ganz unterschiedlichen Begabungen und jeder von ihnen hatte seinen unverwechselbaren Charakter. Manche blieben nur wenige Jahre, andere lebten Jahrzehnte mit der Gemeinde und fanden schließlich ihre letzte Ruhestätte in einem der Pfarrgräber.

Ganz unterschiedlich sind auch die Porträtdarstellungen von immerhin 18 Beerbacher Pfarrern, die sich erhalten haben und heute in einer Ecke des Gemeindesaals zu sehen sind. Die Reproduktionen gehen auf Kupferstiche und Fotografien zurück. Die Darstellungsweise ist so unterschiedlich wie die Porträtierten selbst: Ernst dreinblickende Herren in der Amtstracht ihrer Zeit mit gestärkter Halskrause, ab dem 19. Jahrhundert mit dem charakteristischen Beffchen und dem Barett (mit Samt überzogene Kopfbedeckung), oder ganz schlicht im bürgerlichen Anzug.

Solche Bildergalerien haben sich in vielen Gemeinden erhalten, oft sind sie im Pfarrhaus oder in der Sakristei zu finden. Den Gemeindegliedern dienen sie zur Erinnerung, den Geistlichen selbst aber machen sie bewusst, dass sie in einer langen Kette stehen und auf dem aufbauen können, was ihre Vorgänger oftmals unter schwierigen Verhältnissen gepflanzt und gehegt haben.

Wenn Sie also mal wieder zum Kirchenkaffee im Gemeindehaus einkehren, dann werfen Sie doch einen Blick auf die „18 in der Ecke“ und vielleicht entdecken Sie dort ihren Taufpfarrer, Konfirmator, den Geistlichen, der Sie getraut hat, oder Sie blicken mit einem hoffentlich verzeihenden Lächeln auf den Pfarrer, der Ihnen im Religionsunterricht aus Ihrer Sicht nicht immer gerecht wurde und viel zu streng war!

 

Ewald Glückert
Archivpfleger