„Das Alt ist hie, das Neu tritt ein“

„Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst“(Psalm 127,1)
„Deine Wächter rufen mit lauter Stimme ...“ (Jesaja 52, 8)
„Wachet auf, ruft uns die Stimme der Wächter sehr hoch auf der Zinne“ (EG 147,1)
„Befiehl dem Engel, dass er komm, und uns bewach, dein Eigentum; gib uns die lieben Wächter zu ...“ (EG 469, 6)
Das ist nur eine kleine Auswahl von Textstellen aus Bibel und Gesangbuch, die vom wichtigen und verantwortungsvollen Dienst des Wächters sprechen.

Mit dem Turm- oder Nachtwächter verbinden wir heute oftmals romantische Vorstellungen und denken an die vermeintlich „gute alte Zeit“, als der Nachtwächter die Stunden ansagte oder der Turmwächter von der Höhe herab Signale blies. Moderne Sicherungs- und Überwachungssysteme haben heute in vielen Bereichen die Funktion des sprichwörtlichen „alten Nachtwächters“ übernommen, und doch gibt es nach wie vor Sicherheitsdienste, die mit geschultem Personal Wachtdienste übernehmen.

Auch in den Dörfern unserer Gemeinde wollte man lange Zeit auf den bewährten Dienst eines Wächters nicht verzichten, der des Nachts bei ausbrechendem Feuer, Einbrüchen oder feindlichen Angriffen Alarm schlug. Aus der Ortsbevölkerung heraus konnte man sich um diese Stellung bewerben, die Besoldung erfolgte aus der Gemeindekasse, aber auch anteilig durch Beiträge sämtlicher Hof- und Hausbesitzer. Wachhunde und schließlich die Einführung der öffentlichen Straßenbeleuchtung kamen allerdings im Unterhalt auf Dauer billiger und so wurde z. B. in Beerbach und Tauchersreuth bereits 1877 der Nachtwächterdienst aufgehoben, da er den Einwohnern zu teuer kam. Dabei hatte man noch zuvor, 1862, auf dringende Bitten des Pfarrers und des Kantors die Route des Wächters erweitert, damit auch die abgelegenen Anwesen mit den alten Hausnummern 1 und 2 regelmäßig kontrolliert werden konnten.

Einen besonderen Dienst erfüllte der Nachtwächter am Neujahrsmorgen, wenn er den Einwohnern beim Tageserwachen ein besonderes Lied anstimmte. Ein solcher Text, der wohl aus der Feder des Beerbacher Kantors stammte, hat sich aus der Zeit um ca. 1790 erhalten: „Des Neunhoefer Wächters Neujahrgesang“.

 

Es umfasst nicht weniger als 18 Strophen, die Melodie dazu ist leider nicht überliefert. Vorgetragen wurde das dichterische Werk wahrscheinlich am Gemeindebrunnen bei der Linde, das ist heute in etwa die Stelle des Welserplatzes unmittelbar gegenüber dem Anwesen Schwemmer. Ob der Wächter seinen Vortrag auswendig gestaltete oder den Text ablas, kann heute nicht mehr gesagt werden.

Die ersten beiden Strophe lauten:

Wacht auf ihr Christen seid bereit,
wacht auf es ist jetzt Dankenszeit.
Dankt Gott für seine Güt und Gnad
die er dies Jahr erwiesen hat.

Drum auf du große Christenschar
dank deinem Gott fürs alte Jahr
verehre seine Majestät
mit Herz und Mund an heil'ger Stätt.

In den nun folgenden Strophen wird Gottes Segen erbeten für den Kaiser, die Neunhofer Herrschaft, den Pfarrer, den Kantor, für die ortsansässigen Händler, Handwerker und Bauern, für die Witwen und Waisen, die Armen, die Schwangeren und die Sterbenden., für alle Häuser und ihre Bewohner.

Den abschließenden drei Strophen können wir uns auch heute noch – mehr als 200 Jahre später – inhaltlich anschließen:

 

Das Alt ist hie, das Neu tritt ein,
bitt Gott dass er woll gnädig sein
und seiner lieben Christen Schar
sich selbst zum Segen stellen dar.

Beglückt sei nun das neue Jahr,
was ich euch wünsch, das mach Gott wahr
glückseligen Morgen, glückselige Stund
wünscht euch der Wächter aus Herz und Mund.

So ist mein Wunsch herzlich vollbracht,
Gott geb der ganzen Nachbarschaft
wie auch der frommen Christen Schar
ein segenvolles neues Jahr!

Ewald Glückert, Archivpfleger