Das Heil ist im Werden

Wir feiern Advent, die Vorgeschichte von Weihnachten. Zu dieser Vorgeschichte gehört Zacharias, dessen Geschichte wir im 1. Kapitel des Lukasevangeliums finden. Er war Priester am Jerusalemer Tempel. Eines Tages war er an der Reihe, das Rauchopfer darzubringen. Es war ein besonderes Ehrenamt das Zacharias da zufiel. Einmal, höchstens zweimal im Leben wurde einem Priester am Tempel die Ehre zuteil, das Rauchopfer darzubringen und danach vor das Volk zu treten und den Segen zu sprechen. Als Priester will er Gott dienen. Doch der Bote Gottes stört diesen heiligen, wichtigen Dienst und unterbricht die altehrwürdigen Abläufe der Religion.

Der Engel verheißt dem alten Ehepaar einen Sohn. Er soll Jesus vorangehen und seinen Weg bereiten. Sein Name soll Johannes sein. Das bedeutet „Gott ist gnädig“. Zacharias wird davon völlig überrumpelt. Er wollte Gott dienen. Doch nun will Gott ihm dienen. Ängstlich fragt er zurück, ob Gott sich das gut überlegt hat. Nicht Freude, sondern Skepsis spricht aus seinen Worten. Schließlich ist seine Frau Elisabeth viel zu alt, um noch ein Kind zu bekommen.

So reagiert der Mensch, wenn Gott ihm nahe kommt. Er jubelt nicht, dass Gott etwas Gutes mit ihm im Sinn hat, sondern fragt kritisch und ängstlich: Kannst du das auch tun? Ist das möglich? Sieh mich doch an: Ich bin zu alt, zu schwach, zu unbedeutend, zu dumm (oder zu gescheit!), zu wenig fromm. Hast du dich da nicht vertan, Gott? Ich kann gar nicht glauben, dass das wahr sein soll. Woran soll ich erkennen, dass es stimmt, was du mir sagst? Zacharias fordert ein Zeichen.

Gabriel - jetzt stellt der Engel sich vor – findet solchen Unglauben wirklich unglaublich. Stumm soll dieser Mensch sein, der das Wort eines Erzengels nicht für wahr nimmt. Stumm soll er sein und in sich gehen und sehen und hören, wie Gott handelt. Stumm soll er sein – solange bis sich die Verheißung der Geburt seines Sohnes erfüllen wird. Seine Stummheit soll das Zeichen sein, das er gefordert hat.

Da wird der Priester stumm. Stumm tritt er vor die Menschenmenge – welch peinliche Panne im so wohl geordneten Gottesdienstbetrieb! Er winkt, er gestikuliert. Aber den Segen, auf den alle warten, den kann er nicht sprechen. Der Priester des alten Bundes ist verstummt und kann den Segen nicht mehr zusprechen. Denn ein neuer Segen bereitet sich vor. Der alte Kultus, dieser so gut organisierte Ablauf, wird unterbrochen, denn Gott will neu handeln.

Auch unser Christentum ist prächtig organisiert. Durchgestaltete Gottesdienste, geordnete Finanzen, ein regulär gewählter Kirchenvorstand, alles termingerecht, alles gesetzeskonform, alles „wie gehabt“. – Der Laden läuft. Aber läuft er so, wie Gott ihn laufen lassen will?

Werden wir nicht genauso stumm wie Zacharias, wenn etwas laut wird davon, dass wir von Gottes Gnade leben, dass uns etwas geschenkt werden soll, das wir nicht verdient haben? Wenn es darum geht, dass wir Gott und seine Gnade brauchen? Wenn es darum geht, von Gott, von seinem Handeln und von unserem Glauben an ihn in unserer so säkularen Welt zu reden? Könnte es sein, dass wir darum so leise und manchmal leisetreterisch geworden sind, weil wir Gott so wenig zutrauen?

Und ist es nicht so, dass auch wir dann anfangen zu gestikulieren und Verrenkungen zu machen, weil wir nichts zu sagen haben und uns auch nichts zu sagen trauen. Dann steigt auch die Kirche ein in die Eventkultur, sucht ihr Heil in Prozessen wie PuK, Evaluierung, Optimierung und Restrukturierung. Natürlich wird trotzdem gepredigt und von Gott geredet. Aber es sind „stumme“ Predigten und seltsam leeres Gerede von Gott.

Vielleicht muss auch unser Tun einmal unterbrochen werden, dass wir wieder merken, dass es auf Gottes Handeln ankommt. Es ist wohl auch der Sinn der Adventszeit, dass wir mal innehalten und in uns gehen.

Die Stummheit des Zacharias ist wie ein Symbol dafür, dass die Religion damals wie blockiert war; dass die Priester das Erbe nur verwalteten, es aber nicht mehr lebendig war; dass aus dem gelebten Glauben ein gelehrter Glaube geworden war. Und so empfinden es auch heute viele. Und manche setzen dann auf Aktionismus, auf neue Angebote, auf mehr Kundenorientierung und Service in der Kirche. Setzen auf ihre Möglichkeiten, den Zustand zu ändern.

Bei Zacharias hören wir davon nichts. Er verstummt, und es ist Gott, der nun handelt und die Sache in die Hand nimmt. Doch Zacharias muss sich gedulden, bis er seinen Sohn in Händen halten kann. Er muss sich auch damit abfinden, dass sein Sohn nur Vorläufer dessen ist, der Heil und Segen bringt. Die Geschichte geht erst einmal schwanger mit dem Heil, das da kommen soll. Es ist im Werden, im Wachsen.

Doch dann wurde Johannes geboren und Zacharias konnte wieder sprechen. Und dann kam Jesus zur Welt und mit ihm wurde das Heil sichtbar und war das Wort Gottes wieder neu zu vernehmen.

 

Die Zeit, in der Zacharias schweigen musste und nichts zu sagen hatte, war sicher eine schwere Zeit für ihn. Aber es war die Zeit, in der Gott handelte. Es war keine verlorene Zeit.

Eigentlich sollte die Adventszeit ja eine stille Zeit sein, eben eine solche Zeit in der wir mal ruhig sind und unser Augenmerk auf Gottes Handeln richten. Eine Zeit, in der wir uns in Geduld üben und unsere gewohnten Abläufe unterbrechen lassen. Eine Zeit, in der wir unser Vertrauen auf Gott stärken, der Mensch geworden ist und dessen Heil seitdem im Werden ist, bis es einmal alles umfassen und bestimmen wird. Eine Zeit, in der wir verfolgen, wie das Licht in der Dunkelheit wächst: erst eine Kerze, dann zwei, drei und vier und schließlich der Christbaum mit seinen vielen Lichtern.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen eine gesegnete Adventszeit und ein fröhliches Christfest!

Ihr Pfarrer