Der „Influencer“ Gottes

Rechtzeitig vor dem Geburtstag der Kirche an Pfingsten wurde eine düstere Prognose veröffentlicht. Laut einer Studie der FZG (Forschungszentrum Generationenverträge der Uni Freiburg) soll sich bis zum Jahr 2060 die Zahl der Kirchenmitglieder in Deutschland nahezu halbieren. Und auch die Kirchensteuererträge sollen dementsprechend schrumpfen. Das liegt an der demographischen Entwicklung in unserem Land, aber auch an der Tatsache, dass vor allem junge Erwachsene aus der Kirche austreten.

Sehr im Kontrast zu solchen Aussagen hören wir an Pfingsten in den biblischen Lesungen wieder, wie der Geist Gottes Menschen erfasste, sie in Bewegung setzt und so letztlich zur Entstehung der Kirche und zur Bildung von Gemeinden führte. War das nur damals so? Oder passiert das auch heute noch?

Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Religion ausgewandert ist in andere Lebensbereiche und dort – in säkularisierter Form - fröhlich Auferstehung feiert. Im Internet werben auf Portalen wie vor allem Instagram sogenannte „Influencer“ (Beeinflusser) um „Follower“ (Nachfolger). Einige dieser Meinungsmacher haben Millionen von Followern allein in Deutschland, die ihre Videos und Botschaften verfolgen. Es geht da natürlich nicht um die Nachfolge Jesu, sondern meist um Mode, um Schönheitsideale und um Lifestyle. Da sind – vor allem die jungen – Menschen offensichtlich zu haben. Das interessiert sie, da sind sie dabei und werden Nachfolger.

Die Kirche hat auch einen Influencer, den Influencer Gottes, den wir in der traditionellen Sprache als Heiligen Geist bezeichnen. Laut dem Zeugnis der Bibel und einer langen Kirchengeschichte erfüllt und beeinflusst er Menschen im Sinne Gottes, führt sie zum Glauben und in die Gemeinschaft der Glaubenden. So werden sie zu „Followern“, zu Nachfolgern. Der Geist kam damals, beim ersten Pfingstfest in Jerusalem, über Tausende von Menschen, über Frauen und Männer, Kinder und Alte, und in der Folgezeit wirkte er weit über das eigentliche Gottesvolk der Juden hinaus und führte viele Heiden der entstehenden Kirche zu. Sollte das heute anders sein? Gottes Geist wirkt sicher auch heute noch über die Kirchengrenzen hinaus. Gott ist einfach größer als die Rahmen, in die wir ihn manchmal einpassen.

Und warum sollte der Geist nicht z.B. auch im oder durch das Internet wirken? Gottes Geist spricht die Menschen ja durch das Wort der Schrift an, er entfaltet da seine Kraft. Und dieses Wort kann natürlich auch über das neue Medium Internet verbreitet werden. Es wäre für die Kirche fatal, wenn sie das ignorierte. Der Geist weht bekanntlich, wo er will – und er lässt sich sicher nicht auf altbekannte kirchliche Formen der Kommunikation beschränken. Und Jesus selber sagte ja, dass man den jungen Wein nicht in alte Schläuche füllt (Markus 2,22). Und ebenso dürfen wir die junge Kirche nicht (nur) in alte Bräuche zwängen.

Mir ist der Sonntagsgottesdienst lieb und teuer. Damit bin ich aufgewachsen. Das ist meine Welt. Aber er ist ganz offensichtlich kein „Format“, das junge Menschen anzieht. Die sind eben anders als ich in der digitalen Welt zuhause und müssen da auch angesprochen werden – und eben nicht nur von den Influencern, denen es um Mode und Ähnliches geht, sondern von den Influencern Gottes, von seinem Wort und seinem Geist. Die Kirche muss mit ihrer Botschaft auch in der digitalen Welt präsent sein, wenn sie von jungen Leuten wahrgenommen werden will.

Wo Gottes Geist wirkt, da müssen wir uns auf Bewegung, auf Veränderungen gefasst machen. Das sollte uns auch keine Sorgen machen. Sorgen müssen wir uns machen, wenn Stillstand herrscht. Wir Älteren neigen dazu, am Bisherigen festzuhalten, das wir als gut und wichtig erfahren haben. Das ist auch in Ordnung. Aber wir dürfen das nicht zur Norm für alle machen wollen. Unsere Kirche braucht den frischen Wind des Heiligen Geistes, des Influencers Gottes, um lebendig zu bleiben. Wichtig ist nicht, dass die Kirche von Morgen, ihre Gottesdienste und Versammlungen genauso ausschauen wie die Kirche heute. Wichtig ist, dass die Kirche von Morgen aus dem Wirken des Geistes hervorgeht und lebendig ist und Menschen mit ihrer Botschaft erreicht. Wichtig ist allein, dass der Influencer Gottes auch heute noch Follower gewinnt.

Ihr Pfarrer