Ein jegliches hat seine Zeit...

… auch die Ferien. Und es tut gut, mal aus der Tretmühle des Alltags herauszukommen, Zeit für andere Dinge und auch für sich selber zu haben. So soll es wohl auch nach Gottes Willen und Ratschluss sein. Denn die Schöpfungsgeschichte erzählt uns, dass Gott von Anbeginn der Schöpfung den Sabbat, den arbeitsfreien Tag vorgesehen hat. Doch bei unserem Lebensstil heute ist auch dieser Tag oft verplant und nicht wirklich frei. Und da kann man sich schon fragen, ob bei uns wirklich noch ein jegliches seine Zeit hat, oder ob wir nicht in die „freie“ Zeit gleich wieder so viel hineinstopfen, dass Gottes wohltuendes Auszeitprojekt für uns, der Sabbat, damit völlig durchkreuzt und hintertrieben wird.

In vielen Bereichen ist bei uns ja der ursprüngliche Rhythmus durcheinandergekommen. Früher hatten z.B. die Erdbeeren mal ihre Zeit, und ich habe mich immer auf die Saison gefreut. Heute gibt es sie das ganze Jahr über, eingeflogen aus fernen Ländern.

Ich sehe oft auch Menschen mit Mehrerem gleichzeitig beschäftigt: im Restaurant beim Essen und gleichzeitig schaut man ins Handy; am Fernseher zwischen mehreren Kanälen hin- und herspringend werden mehrere Programme gleichzeitig verfolgt.

Viele Menschen schätzen das und wollen das so. Sie erleben die Wahlfreiheit und mögliche Gleichzeitigkeit als bereichernd. Doch ist es das wirklich? Ich habe den Eindruck, dass unter der heute möglichen Quantität die Qualität leidet. Mir kommt es vor, als würde mit der Gleichzeitigkeit alles auch gleichgültig.

Wie es anders gehen könnte, illustriert eine Geschichte, in der die Schüler ihren Meister fragen:

„Meister, woher kommt deine Ruhe und Konzentration, von der selbst wir noch wohltuende Wirkung empfangen?“ Und der Meister antwortet: „Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich.“

„Aber“, so entgegnen die Schüler, „das tun wir doch auch!“

„Nein“, sagt da der Meister, „wenn ihr liegt, dann denkt ihr schon ans Stehen. Wenn ihr steht, dann denkt ihr schon ans Gehen. Wenn ihr geht, dann denkt ihr schon ans Liegen.“

Ein jegliches hat seine Zeit. - Stimmt das noch bei uns und für uns? Oder haben wir den rechten Lebensrhythmus verloren?

Die Bibel weiß von einem solchen Rhythmus. Der Schöpfungsbericht im ersten Buch Mose erzählt, dass der Welt so ein Rhythmus eingestiftet ist, in dem alles seine Zeit hat: Tag und Nacht, Saat und Ernte, Arbeit und Ruhe. Und er erzählt – auffallend genug -, dass die Schöpfung nicht durch eine großartige Tat vollendet wurde. Nein, da heißt es: Am siebten Tag ruhte Gott von all seinen Werken. Der Schöpfer nimmt Abstand von seinem Werk. Er lässt es gut sein und sein Bewenden haben bei dem, was geworden ist. Er begrenzt sein Tun. Gott beschränkt sich da selber und gesellt sich in seiner Ruhe zu dem, was er da geschaffen hat. So vollendet er seine Schöpfung.

Und da heißt es: „Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn.“ Das heißt, er gab ihm die besondere Bestimmung, für das Geschöpf denselben Inhalt und dieselbe Bedeutung zu haben wie für ihn selber: eine geheiligte Zeit der Ruhe, in der der Mensch nicht mehr seinem Werk gehört – auch nicht in der Weise, dass er sich für neue Werke zu stärken hätte. Ruhe, in der nichts von ihm verlangt wird, wo er einfach da sein kann. Ruhe, in der die Seele nachkommen kann, in der man frei, freudig und feiernd bei sich selbst sein kann und bei Gott.

Ruhen heißt hier etwas anderes als relaxen, um wieder fit zu werden für die kommende Woche.

Ruhen meint hier frei zu sein von Arbeit, frei zu sein für die Freude am Leben, auch für die Freude an der Schöpfung, die uns im Alltag verlorengegangen ist. Ruhen bedeutet, innehalten, um wahrzunehmen, was es mit dieser Welt auf sich hat; um das zu feiern, was all unserem Tun und Lassen voraus liegt und es doch grundlegend erst ermöglicht.

Ruhen heißt, frei zu sein für Gott, für die Gemeinschaft mit Gott. Genau dazu ist der Mensch nach dem biblischen Schöpfungsbericht geschaffen und deswegen erfährt er darin den tiefsten Sinn seines Seins, die größte Erfüllung, ja Seligkeit, also diesen Zustand wunschlosen Glücks, der schon ein Vorgeschmack der himmlischen Freude ist.

Das Gebot, diesen 7. Tag zu heiligen war nie als belastende Pflicht gedacht, sondern als großes Geschenk, als große Wohltat für den Menschen. Daran sollten wir uns immer wieder erinnern, gerade wenn wir in den Sog der Beschleunigung, des Immer-aktiv-Seins, der grenzenlosen Anforderungen geraten. Das Leben braucht einen heilsamen Rhythmus und nur wenn es freie Zeiten gibt, heilige Zeiten, kann es im Gleichgewicht bleiben, schön werden und zu seiner Bestimmung gelangen. Dazu hat nach biblischer Überlieferung Gott den Sabbat eingesetzt. Alles soll und darf in Gottes guter Schöpfung seine Zeit haben.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen auch eine schöne Ferienzeit!

Ihr Pfarrer