Höher hinaus

Im vergangenen Jahr besuchte ein Techniker aus Mannheim unsere beiden Kirchen, um Schwingungsmessungen durchzuführen. Diese dienten u. a. dazu, den Einfluss der läutenden Glocken auf die Statik der Türme und die Bodenplatten der Glockenstuben zu ergründen. Die Untersuchung bildete eine der Voraussetzungen für die geplante Erneuerung des Geläuts.

Mit einem Blick auf den Turm der Neunhofer Johanniskirche äußerte der angereiste Fachmann: „Das ist ja mal ein niedriger Turm, da werden wir gleich droben sein“.

In der Tat, es gibt weitaus höhere Kirchtürme und das Neunhofer Exemplar weist nur drei Stockwerke auf, aber mit dem schnellen Aufstieg sollte der Besucher nicht recht behalten. Ein geräumiges Treppenhaus, das sämtliche Stockwerke durchläuft, fehlt. Man muss vielmehr erst einmal den Aufgang zur Empore benutzen und danach eine steile Bodenstiege erklimmen. Wenn das geschafft ist, befindet man sich aber erst auf dem Spitzboden des Kirchenschiffes, den man in ganzer Länge abgehen muss. Und nun endlich erreicht man mit gebotener Vorsicht einige schiefe Stufen, denen man ihr hohes Alter deutlich ansieht. Eine ursprünglich verschließbare Öffnung, nicht größer als eine Zimmertür, gewährt Zugang in das erste Obergeschoss, von dem aus eine moderne Metallleiter den Aufstieg in die Glockenstube ermöglicht.

Der etwas umständliche Zugang zum Turm wurde einst – im späten Mittelalter – bewusst so angelegt, denn St. Johannis stand im Zentrum eines befestigten Friedhofes, dessen Mauerreste sich an drei Seiten bis heute erhalten haben, während Torhaus und Graben an der Südseite längst verschwunden sind. Die Wehranlage bot der Bevölkerung mit ihren wichtigsten Habseligkeiten und dem Milchvieh im Notfall Schutz, und als allerletzte Zuflucht diente das erste Obergeschoss des Turmes, das vom eindringenden Feind nur mühsam erreicht werden konnte. Der einzige Zugang vom Dachboden aus konnte mit einer massiven Türe von Innen verteidigt werden.

Der Kirchturm diente außerdem als Geschützstellung, als Ausguck und als Alarmanlage, denn mit anhaltendem Glockengeläut konnte auf nahende Gefahren aufmerksam gemacht werden.

Dies bedingte allerdings eine gute Übersicht und eine freie, unverbaute Umgebung des befestigten Kirchhofs, damit der Feind nicht benachbarte Häuser als strategische Plattform für Beschuss oder das Werfen von Brandfackeln nutzen konnte.

Darauf wurde streng geachtet und so konnten kirchennahe Gebäude wie das ehemalige Schulhaus (Kindergarten) oder das Wohnhaus der Familie Bürner erst im 19. Jahrhundert entstehen, als die Wehrfunktion der Kirche längst ausgedient hatte.

Der vergleichsweise niedrige Turm reichte vollkommen aus, denn die Kirche steht ja ohnehin an einem der höchsten Punkte im Ortskern und überragte die umlaufende Friedhofsmauer, die ursprünglich noch einen Wehrgang besaß. Als man jedoch 1896 das Kirchenschiff um 2,75 Meter nach Westen erweitert hatte, wollten die Gesamtproportionen von St. Johannis so gar nicht mehr gefallen, denn jetzt war plötzlich der Turm im Vergleich zum Kirchenlanghaus ja viel zu niedrig!

Als sich 1903 herausstellte, dass das Gebälk des Turmhelms zunehmend baufällig wurde, ergriff man die Gelegenheit beim Schopf: Die alte Spitze wurde abgetragen und die massiven Turmmauern um drei Quaderschichten aufgestockt, ehe man einen neuen Helm aufsetzte. Doch damit nicht genug, nun musste auch auf jede Turmseite ein Uhrerker, ein sogenanntes „Wichhäuschen“ aufgesetzt werden, damit nicht nur wie bisher von Norden ein Ziffernblatt zu sehen war, sondern von allen vier Himmelsrichtungen die Zeit abgelesen werden konnte.

Die Kirchenstiftung Neunhof setzte das Projekt ehrgeizig durch, obwohl die Schulden der Kirchenerweiterung von 1896 noch gar nicht abgezahlt waren. Die Gemeindeglieder aus Simonshofen und Bullach, auf die die Gesamtkosten von 5.911 Reichsmark anteilig umgelegt wurden, zeigten sich wenig begeistert und die Welsersche Kirchenherrschaft kritisierte „die unverständliche Bauwut“ der Neunhöfer.

Die Aufstockung des Turmes ist an dem verwendeten helleren Sandstein noch heute deutlich ablesbar und erinnert an diese „Bauwut“, doch dem Herrn Ingenieur aus Mannheim erschien der Neunhofer Turm dann 2018 immer noch zu niedrig!

Ewald Glückert