Impulse

 

Unser Herr kommt!


 

Stimmt das, dass unser Herr kommt? Ist das wirklich wahr, was wir im Advent feiern?

Angesichts der „Herren“, die wir seit vielen Monaten in vielen Ländern kommen sehen, drängt sich diese Frage geradezu auf.

Zunehmend werden Politiker zu Staatsoberhäuptern gewählt, die Hass auf Minderheiten schüren, die die Gesellschaft spalten, die sich nicht scheuen durch Lügen und gezielte Desinformation Angst und Empörungswellen hervorzurufen, die sie zum politischen Erfolg tragen. Sie sehen es als ihre Aufgabe an, den „Volkszorn“ am Kochen zu halten, sie drohen Andersdenkenden, verfolgen sie, lassen sie verhaften und manchmal auch umbringen. Wir sehen Politiker und Parteien hochkommen, die nicht mehr Kompromisse erzielen und eine vielfältige Gesellschaft einen wollen, sondern die ihre Sicht der Dinge für alle verpflichtend machen und alles ihrer Macht unterwerfen wollen.

So sind viele der Herren, die wir nun schon seit längerer Zeit kommen sehen.

Der Herr, dessen Kommen wir im Advent bedenken und feiern, ist ganz anders. Er wurde unterwegs geboren, hatte kein festes Dach über dem Kopf und war schon bald auf der Flucht vor einem paranoiden König. Er wollte den Menschen dienen, nicht autoritär über sie herrschen. Er wollte sie vom Bösen befreien und nicht mit Lug und Trug und Gewalt seine Herrschaft sichern. Doch kann so ein lammfrommes Flüchtlingskind uns heute helfen? Können wir wirklich angesichts der Herren unserer Zeit unsere Hoffnung auf diesen Herrn setzen?

Ich muss gestehen: ich komme da manchmal ins Wanken. Was ich erlebe, führt mir die Macht der Herren dieser Welt vor Augen. Gerechtigkeit, Solidarität und einfach Menschlichkeit scheinen in vielen Gesellschaften auf dem Rückzug. - Wie geht das zusammen mit dem Kommen unseres Herrn?

Aber dann denke ich daran, dass Advent ja nicht nur das Kommen Jesu vor nunmehr über 2000 Jahren meint. In der Adventszeit bedenkt die Christenheit auch seine Wiederkunft am Ende der Zeit, wenn er als Richter und Retter kommen wird. Dann kommt er mit Macht und errichtet sein Reich der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens.

Es war diese Perspektive, diese Hoffnung, die den früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann 1950, am Beginn der leidenschaftlichen Debatte um die Wiederbewaffnung Westdeutschlands, sagen ließ: „Die Herren dieser Welt gehen, unser Herr kommt.“ Und dazu feiern wir den Advent, um die Hoffnung darauf wach zu halten, um sie neu zu entfachen. Das sollen wir gerade dann nicht aus dem Blick verlieren, wenn die Herren dieser Welt so allmächtig erscheinen und wir der Resignation oder gar der Verzweiflung nahe sind.

„Die Herren dieser Welt gehen, unser Herr kommt.“ - Auch autoritäre Präsidenten und Diktatoren werden sterben. - Ich finde es nur so bitter, dass so viele Menschen zuvor unter ihnen leiden, zu Schaden kommen oder gar das Leben verlieren, bevor der Wahnsinn ein Ende findet. Dass zuvor so viele Probleme sich verschärfen, ob Umweltzerstörung oder soziale Ungerechtigkeit. Das bleibt für mich eine Anfrage an Gott: Warum nimmst du das in Kauf? Warum müssen wir immer noch auf die Wiederkunft deines Sohnes warten?

Aber diese Frage kann die geradezu subversive Hoffnung des Advents nicht zum Schweigen bringen. Unser Herr kommt, und er ist ganz anders als die Herren dieser Welt. Der Blick auf das verletzliche Flüchtlingskind in der Krippe zeigt uns das und weckt Eigenschaften in uns, die stärker und menschlicher sind als aufgeputschter Volkszorn: Liebe, Fürsorglichkeit, Mitleid, Solidarität.

Und die Hoffnung auf die Wiederkunft dieses Herrn hält die Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit, nach Gottes Reich in uns wach. Wo diese Hoffnung stark wird, haben wir den langen Atem, um den Herren dieser Welt zu trotzen, den Lügen mit Wahrheit zu begegnen und der Ausgrenzung, der Verachtung und dem Hass Liebe entgegenzusetzen.


 

Eine erfüllte und hoffnungsfrohe Adventszeit und ein gesegnetes Christfest wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Menzinger


 


 


 

Weihnachten auf dem Friedhof

 

„Es ist ein Ros entsprungen“ gehört zu den altbekannten Liedern, die zum Christfest in Gottesdiensten und bei Weihnachtsfeiern angestimmt werden. Doch nur die beiden ersten Verse stammen aus dem 16. Jahrhundert, die weiteren wurden erst 1844 hinzugefügt. In der vierten und letzten Strophe wird ein Thema angesprochen, das wir vielleicht bei einem Weihnachtslied nicht erwarten, denn es wird vom „Scheiden aus diesem Jammertal“ und vom Leben im „Freudensaal“ in der Ewigkeit bei Gott, gesungen.


 

Das Gedenken an die Verstorbenen gehört thematisch eigentlich zu den letzten Wochen des Kirchenjahres, und doch finden wir gerade zu Weihnachten auf vielen Grabstätten einen besonderen Schmuck, der mit dem Fest in Beziehung steht: verzierte Tannenzweige, Schalen mit Christrosen, Weihnachtskerzen, rote und goldene Schleifen oder mit künstlichem Schnee überzuckerte Bäumchen. Mehr noch als früher bestimmt persönlicher Geschmack die Grabpflege, und das nicht nur zu Weihnachten. Alte Fotografien aus dem Anfang des vergangenen Jahrhunderts von unseren Friedhöfen in Beerbach und Neunhof vermitteln den Eindruck, dass man damals auf Grabpflege keinen großen Wert gelegt hat: Ein mit Gras überwachsenes Beet, in der Mitte ein Rosenstock, mehr nicht. Heute zeigen Grabstätten je nach Vorstellung ihrer Nutzer verschiedene Varianten, von naturbelassenem „Wildwuchs“ bis zu „kitschigem Dekor“. Aber bitte, über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten und akkurate Einförmigkeit ist auch nicht wünschenswert. Hinzu kommt, dass Blumengeschäfte, Baumärkte, ja selbst der online-Handel gestalterische Ideen vermitteln. Allerdings regelt eine 2016 neugefasste „Grabmal- und Bepflanzungsordnung“ der Kirchenstiftungen Beerbach und Neunhof auch die Pflege der Grabstätten, damit „die Würde des Friedhofes gewahrt bleibt“ (siehe dort § 8 ff.).


 

Bis in die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts war zu Weihnachten auf unseren Friedhöfen der Brauch zu beobachten, dass man die Gräber mit Fichtenbäumchen besteckte, die mit Lametta oder sogenanntem „Engelshaar“ verziert waren. Aus den 70-iger Jahren ist die starke Verbreitung dieser Sitte noch gut erinnerlich.

Bis zum Beginn des nachmittäglichen Familiengottesdienstes zum Heiligen Abend hielten die Gräberbesuche an, bis dann zum Einbruch der Dunkelheit fast alle Grabstätten mit kleinen Christbäumen versehen waren. Der gut gemeinte „Weihnachtsfriedhof“ war allerdings zumeist von kurzer Dauer, denn beim nächsten stärkeren Wind verwehte es die „Bammla“ in eine Mauerecke und das Lametta lag zerzaust herum. Nur wenige Besucher dachten daran, die Bäumchen in Töpfe zu setzen oder sie tief im Grabbeet zu verankern. Die alte Sitte ist heute nur noch selten zu beobachten und dann auch nur in einer schlichten, ansprechenden Gestalt (siehe Foto).

Grab

 

Verständlich ist der weihnachtliche Grabschmuck, in welcher Form auch immer, durchaus: Das „Fest der Liebe“ gibt wie kein anderes christliches Fest auch einen besonderen Anlass der familiären Feier, des Zusammenkommens und der Erinnerung. Dabei werden schmerzliche Lücken besonders tief empfunden, wenn Angehörige, die früher auch an der Festtafel saßen, nicht mehr am Leben sind. Man spricht von ihnen gerade zum Fest in wehmütigem, heiterem oder dankbarem Gedenken. Sie gehören noch immer dazu, wenn man sie auch bereits im himmlischen „Freudensaal“ weiß, wie es der Liederdichter ausdrückt. Selbst in dem volkstümlichen Lied „O Tannenbaum“ ist von „Trost und Kraft zu jeder Zeit“ die Rede. Gott selbst verwendet das Symbol des Lebensbaums in seiner Verheißung im Buch des Propheten Hosea (Kap. 14,9): „Ich will dich erhören und führen, ich will sein wie eine grünende Tanne“. Eigentlich redet der Urtext von einer immergrünen Zypresse, doch Martin Luther hat das in seiner Übersetzung anschaulich eingedeutscht und so steht das Fichten- oder Tannenbäumchen als Hoffnungszeichen auch auf manchen Gräbern.


 

Ewald Glückert