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Ferienzeit – die andere Zeit

Es war einmal ein König, so erzählt eine Legende, der war bei seinem Volk geachtet und beliebt. Er besaß eine große Schatzkammer, und es machte ihm Freude, seinen Untertanen daraus zu geben, was sie brauchten. Der König hatte allerdings eine Eigenart, die seine Umgebung befremdete. Einmal am Tag, meistens am Morgen, ging er in den untersten Raum seines Schlosses und blieb dort über längere Zeit. Jedermann rätselte, was er wohl in diesem Raum tat. Manche meinten, er sei mit dem Teufel im Bunde. Andere glaubten, er habe dort eine Zauberküche, um seinen Schatz immer wieder neu aufzufüllen.
Als der König alt geworden war und sein Ende kommen fühlte, rief er seinen Sohn, um ihm die Herrschaft zu übertragen. Schließlich führte er ihn auch in jenen Raum, den er selbst täglich aufgesucht hatte. Wie überrascht war der Sohn, als er seinen Fuß hineinsetzte: Der Raum war leer! Der König bat seinen Sohn, er möge eine Nacht in diesem Raum verbringen. Am nächsten Morgen stieg er hinunter und fragte ihn: „Was wirst du mit diesem Raum machen, wenn ich gestorben bin?“ „Ich werde ihn zumauern lassen.“, antwortete der Sohn. Da bat ihn der Vater eine weitere Nacht dort zu verbringen. Wieder fragte er ihn am Morgen: „Was wirst du mit diesem Raum machen, wenn ich gestorben bin?“ Der Sohn antwortete: „Die ganze Nacht habe ich hin- und her überlegt, wie ich diesen Raum füllen kann, aber ich weiß nicht wie.“ Da bat ihn der Vater noch eine dritte Nacht in der Kammer zu verbringen. Und als er am Morgen hinunter ging, lag der Sohn friedlich am Boden und schlief. Ein letztes Mal fragte der Vater: „Was wirst du mit diesem Raum machen, wenn ich gestorben bin?“ Da antwortete der Sohn: „Ich werde wie du einmal in diesen Raum einkehren.“
Kurz darauf starb der König, und der Sohn regierte so gut wie der Vater. Immer hatte er genug, um jedem zu geben, was er brauchte.

Der Raum in dieser Legende ist eigentlich ein Zeitraum. Der Zeitraum, den auch ein König freihalten muss von Pflichten, um ein guter König sein zu können. Er ist ein Raum, der nichts enthält und doch zugleich alles, was nötig ist, um das Leben mit Sinn zu füllen. Bevor Gott die Lebensräume schuf, so erzählt die Bibel, da schuf er die Zeit, den Wechsel von Tag und Nacht, den Zeitraum, als Bühne auf dem sich das Spiel der Schöpfung entfalten kann.
Die Zeit ist das erste Werk Gottes. Und mit einer besonders ausgezeichneten Zeit, mit dem Sabbat krönt Gott sein Schöpfungswerk am Ende: Jetzt ist die Zeit nicht mehr nur Rahmen oder Bühne, sondern Qualität: Vorgeschmack auf eine andere Dimension des Lebens, die wir Ewigkeit nennen. So ist die Welt, in der wir leben, von Anfang an beides: ein Werk Gottes in der Zeit, und doch zugleich auch ein offenes Fenster, aus dem man hinausschauen kann auf die die Zeit umschließende und sie tragende Ewigkeit.
Die Legende vom König und seinem Sohn erzählt von der elementaren Bedeutung, die die Zeit, die nicht verplante und voll gepfropfte Zeit, für unser Leben hat. Auf dem leeren Zeitraum ruht der Königspalast, ruht die Kunst des Regierens, ruht die Fülle, aus der der König austeilt. Wie bei einem Gemälde ist es so, dass erst die freien Stellen die Gestalten und Farben zur Geltung bringen. Wie in der Musik lassen erst die Pausen den Reiz der Melodie, das Kunstwerk der Komposition hörbar werden. Der Königssohn kann das zuerst nicht verstehen. Er verkörpert gerade darin den modernen Menschen. Er hat Schwierigkeiten, die Leere auszuhalten. Die Leere erschreckt ihn, erscheint ihm bedrohlich, bestenfalls unnütz. Darum seine erste Reaktion: zumauern. Es soll keinen Zugang geben zu dieser ihm bedrohlich erscheinenden Welt. Wer weiß, was
einem blüht in dieser Leere, was da auf einen zukommt an Unvorhergesehenem?
Auch mit seiner zweiten Reaktion verkörpert der Königssohn den in Geschäftigkeit und Betriebsamkeit verhafteten modernen Menschen. Er will den Raum ausfüllen, zuschütten. Die Zeit vertreiben oder totschlagen. Dahinter steckt die unbewusste Angst, in diesem Freiraum könne uns etwas anderes begegnen als das, was wir kennen und unter Kontrolle zu haben meinen. Die Angst, sich in ein Unbekanntes zu verlieren. Wir sind es gewohnt, immer aktiv zu sein, die leere Zeit zu füllen und wenn wir sie mit seichter Fernsehunterhaltung totschlagen.
Erst als der Sohn – auf Geheiß des Vaters – sich die Zeit nimmt, erst sein absichtsloses Verweilen im tiefsten aller Räume lässt ihn eine Entdeckung machen: dass Zeit noch etwas anderes ist als Synonym für Geld, Druck und Termine. In der Tiefe seines Palastes trifft der Königssohn auf eine Qualität, die quer liegt zur menschlichen Berechnung. Hier unten beginnt er etwas zu ahnen von Anfang und Ziel und Mitte aller Zeit.
Hier beginnt er etwas zu ahnen von dem Gott, der seiner Welt von Anbeginn an vor allem eines gegeben hat: Zeit. Die Welt, die der Königssohn in den oberen Räumen des Palastes erlebt, ist eine Welt des Zeitdrucks, der Termine und Zwänge, des Zeitvertreibs und Zeitverschleißes. Im untersten Raum seines Palastes erlebt er eine andere Zeit. Da kommt er in Berührung mit der Tiefendimension seines Lebenshauses.Von dieser Tiefe her füllen sich alle anderen Räume mit Leben. Da ist eine Zeit, die unsere Lebenszeit umgreift. Da ist ein Raum, der unseren Lebensraum birgt, in dem wir in Berührung kommen mit der Tiefe des Seins, die wir Gott nennen. Da eröffnet sich uns eine neue Dimension und diese Begegnung schenkt Kraft und richtet das Leben neu aus.
Die Ferien bieten die Chance zu so einer Auszeit, zur Flucht aus dem Alltag; die Chance, die Welt des Zeitdrucks, der Termine und Zwänge, des Zeitvertreibs und Zeitverschleißes hinter uns zu lassen und den freien Zeitraum in der Tiefe des Hauses aufzusuchen. Ich denke, das ist der Raum, in den Jesus uns locken will, wenn er uns einlädt und sagt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. … So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“
Dass Sie diese Ruhe in der Ferienzeit finden, dass Sie diesen Raum in ihrem Lebenshaus finden und in ihm neue Kraft und Lebensfreude tanken, das wünsche ich Ihnen für diese Sommerzeit
Ihr Pfarrer
Michael Menzinger

 

Die Früchte des Friedens

Es gehört zu den Traditionen des Erntedankfestes, Altäre und Kirchenräume mit Erntegaben aus Garten und Feld zu schmücken, um die Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer nicht nur in Gebeten und Liedern, sondern auch sichtbar zum Ausdruck zu bringen. Die prächtigsten Exemplare von Obst, Gemüse und Feldfrüchten bieten sich geradezu dafür an.

Rosette

 

 

Ausschnitt aus dem Stuckkranz mit Sonnenblume, Artischocke, Birne und Spargel.

Foto: Sammlung Glückert

An diese Erntegaben wird man erinnert, wenn man – z.B. am Tag des offenen Denkmals am 9. September – die Decke im Weißen Saal des Neunhofer Hauptschlosses betrachtet. Ein ovales Gemälde wird von einem Kranz aus weißem, plastischen Stuck umrahmt und bei genauerer Betrachtung erkennt man zahlreiche heimische Gewächse: Gurken, Kopfsalat, Zwiebeln, Kürbisse, Birnen, Äpfel, Walnüsse, Rosen, Astern und Sonnenblumen, ja sogar einen Bund Spargel, der seit dem 17. Jahrhundert in Europa mehr und mehr Verbreitung fand. Erstaunlicher Weise entdeckt man auch die Artischocke, die man 1697 wohl kaum in Neunhofer Bauerngärten antraf, aber vielleicht in einem der Schlossgärten als Rarität hütete. In jenem Jahr vollendete der aus dem Tessin stammende und in Nürnberg heimisch gewordene Stuckateur Donato Polli in üppigen barocken Formen den Deckenstuck des Saales im Mittelbau des Schlosses.
Das Thema der Decke ist in einem Spruchband bezeichnet: PAX AUGUSTA. Gemeint ist damit der Augsburger Religionsfrieden, der am 25. September 1555 geschlossen wurde und den Anhängern des Augsburgischen Bekenntnisses, also den Lutheranern, im Reichsgebiet ihren territorialen Besitz und die freie Religionsausübung zugestand.
Der Friedensschluss markierte das Ende des Zeitalters der Reformation und leitete eine Phase des distanzierten Miteinanders der Konfessionen ein, die allerdings nur bis 1618 anhielt, als – vor nunmehr 400 Jahren – der Dreißigjährige Krieg ausbrach. Der Begriff der freien Religionsausübung, heute ein durch die Verfassung jedermann gewährtes Grundrecht, bezog sich damals allerdings noch nicht auf die einzelne Person, sondern auf das Herrschaftsgebiet, in dem man lebte, denn es wurde nun dem Landesherrn zugebilligt, die Konfession seiner Untertanen zu bestimmen. Daraus erwuchsen allerdings neue Härten und Auseinandersetzungen, die das Schicksal unzähliger Einzelpersonen, Familien, Dörfer und Kirchengemeinden beeinflusste, wie allein das Beispiel des bis über Jahrhunderte hinweg konfessionell getrennten Ortes Bullach deutlich zeigt.
Die an der Decke des Neunhofer Schlosses dargestellte Frauengestalt hinterlässt daher beim Betrachter auch einen etwas zwiespältigen Eindruck. Auf Wolkenbergen stehend symbolisiert sie mit ernstem Blick den Friedensschluss, sie schwingt den Palmzweig, trägt einen Lorbeerkranz auf dem Kopf, hinter ihr geht die Sonne auf und ein Regenbogen steht am Himmel, aber mit der linken Hand umklammert sie immer noch eine mächtige Keule, die an vergangene Auseinandersetzungen erinnert. Erfreuen wir uns aber umso mehr an den dargestellten Erntegaben mit der Sonnenblume und einem Bund Neunhofer Spargel! Solche herrlichen Erzeugnisse von Garten und Feld können nur in Zeiten des Friedens gedeihen. Vielleicht hatte der Künstler selbst oder sein Auftraggeber das Wort aus dem 3. Kapitel des Jakobusbriefes im Sinn:

Die Frucht der Gerechtigkeit aber wird gesät in Frieden für die, die Frieden stiften.

Ewald Glückert