„Servicestellen des Heiligen“

...das ist die Vorstellung von Kirche, die der Landesjugendpfarrer von Oldenburg, Sven Evers, verwirklicht sehen möchte. Statt herkömmlicher Ortsgemeinden sollen „religiöse Tankstellen“ die geistliche Versorgung der Menschen gewährleisten. Verbindliche und damit verbindende Gemeinschaft und Beheimatung auf Dauer sollten gar nicht erst angestrebt werden. „Auftanken, kompetente Hilfe im Schadensfall, Gemeinschaft auf Zeit, professioneller und zugewandter Service, Rastplatz und Kraftquelle für die weitere Reise“ (zeitzeichen März 2019, S.45), das soll die Kirche leisten. Und so, wenn die Kirche so für die Menschen da ist, glaubt er, auch dem wachsenden Bedeutungsverlust der Kirche für viele Menschen entgegenwirken zu können.

Klingt modern, innovativ und in vielen Ohren wohl auch gut. Mich als Gemeindepfarrer schüttelt es da allerdings. Wer, so frage ich mich, soll denn den Service leisten, wenn es keine Verbindlichkeit mehr gibt? Nur noch bezahlte Hauptamtliche? Und soll die Kirche dann so, wie auch Tankstellen heute ja außer Benzin alles Mögliche anbieten, ein religiöser Gemischtwarenladen werden, der anbietet, was nachgefragt wird? Bringt eine solche „Kundenorientierung“ nicht auch Christen hervor, die sich halt wie Kunden verhalten, sich aber nicht mehr als Teil der Gemeinschaft der Glaubenden verstehen, in der sie auch gebraucht werden? Ich bin da Paulus viel näher, der davon ausgeht, dass die Gemeinschaft der Glaubenden der Leib Christi ist (Römer 12) und dass dieser Leib aus vielen verschiedenen Gliedern besteht, die alle eine wichtige Funktion für den Gesamtleib ausüben. Wenn nach dem Tankstellenmodell das Auge aber nur zeitweise als Auge im Einsatz sein will, und die Hand sich lieber bedienen lässt, als selber zu dienen, was passiert dann mit dem Gesamtleib?

Natürlich: es ist in der Zeit von Mitgliederschwund ein verführerischer Gedanke, darauf zu schauen, was die Menschen von der Kirche erwarten und dann zu versuchen, diese Erwartungen zu erfüllen. Das könnte ja, so die dahinterstehende Logik, dazu führen, dass die Leute in der Kirche bleiben und die Kirche wieder an Bedeutung gewinnt.

Folgt man dieser Logik, kommt man irgendwann – und ich glaube ziemlich schnell – dahin, dass die Kirche nur noch tut, was gefällt und erwünscht ist.

Aber ein Pfarrer, der auch mal gegen den Mainstream etwas sagt, eine Botschaft, die auch irritiert, weil sie in Frage stellt, biblische Aussagen, die nicht mehr genehm erscheinen, haben dann keinen Platz mehr. Der biblische Auftrag der Kirche wird dann der Bedürfnisorientierung eindeutig untergeordnet.

Von Karl Barth, der auch ein Kirchenvater des 20. Jahrhunderts genannt wird, stammt die Aussage:

„Der falsche Prophet ist der Pfarrer, der es den Leuten recht macht.“ Und das könne schon deswegen nicht sein, weil der Gott, um den es im christlichen Glauben geht, ganz anders sei als das Gewöhnliche und Alltägliche.

Schaut man auf Jesus, so lässt sich feststellen, dass er sich sehr wohl von der Not von Menschen hat bewegen lassen und geholfen hat. Aber er hat sich nicht nach ihren momentanen Bedürfnissen gerichtet und gerade auch religiöse Erwartungen oft nicht bedient. Er hat gefordert, auch Verbindlichkeit von seinen Nachfolgern eingefordert und den reichen Jüngling lieber ziehen lassen, als seine Forderung zu entschärfen. Ich vermute, dass er so ziemlich alles falsch gemacht hat, wenn man die Ansichten des Landesjugendpfarrers zugrunde legt. Trotzdem ist die Kirche entstanden und gewachsen.

Natürlich: die Zeiten ändern sich. Aber der Auftrag bleibt doch der gleiche: Wir haben von Gott zu reden. Und wir haben da durchaus auch Dinge zu sagen, nach denen die Menschen gar nicht fragen und die sie vielleicht gar nicht hören wollen. Da werden wohl auch immer wieder religiöse Bedürfnisse der Leute in Frage gestellt und zurechtgerückt. Und so sehe ich mich eher als Diener des Wortes als als Tankstellenpächter mit Gemischtwarenladen. Denn der Glaube kommt nach Paulus aus dem Hören, und die Kirche ist die Gemeinschaft der Glaubenden. Und die Ortsgemeinde entspricht nach meinem Dafürhalten dieser Weise des Christseins eher als „Servicestellen des Heiligen“. Ob das nur daran liegt, dass ich halt Gemeindepfarrer bin?

Ihr Pfarrer