Von Ratten und Menschen

„Das ist wie die Pest früher.“, diesen Vergleich zogen manche im Hinblick auf die gegenwärtige Pandemie und ihre Folgen. In mancherlei Hinsichtmag das stimmen, aber es gibt einen gravierenden Unterschied. Die Pest wurde durch Ratten verbreitet. Genauer gesagt: durch die Flöhe, die von den Ratten überall hin getragen wurden und dann auf Menschen übersprangen.

Das Covid-19-Virus hingegen wird allein durch Menschen übertragen. Die Mobilität von uns Menschen ist der alleinige Grund seiner Verbreitung. Wenn dieses Virus sich ausbreitet, dann liegt es am Verhalten von uns Menschen, dann tragen also wir die Verantwortung. Dies gilt umso mehr, als wir heute anders als früher von den Viren und den Übertragungswegen wissen, uns also schützen können.

Jede und jeder von uns ist also verantwortlich, wenn es um Corona geht. Die wenigsten werden diese Verantwortlichkeit leugnen. Doch in unserer Gesellschaft   wird   der   Verantwortlichkeit   das   Recht   auf   Freiheit   und Selbstbestimmung entgegengehalten. Darf der Staat mir verbieten Urlaub zu machen, zu reisen? Bin ich aus Rücksichtnahme auf die anderen verpflichtet auf mir wichtige Kontakte zu verzichten? Die Erfahrung zeigt: viele stellen ihre Freiheitsrechte über ihre Verantwortlichkeit, lassen sich unter Hinweis auf ihre Freiheit nicht in ihren Lebensäußerungen einschränken, auch wenn es dafür gute Gründe gibt.

Nun ist die Freiheit ein hohes Gut und viele Freiheiten wurden hart erkämpft. Gerade in Deutschland gab es eine unselige Tradition des Gehorsams gegenüber der Obrigkeit, die letztendlich in die Hitlerdiktatur führte. Der Spielraum der Freiheit musste dieser Tradition Stück für Stück abgerungen werden und ist zu bewahren.

Angesichts mancher Entwicklungen  in unserer  Gesellschaft frage ich mich, ob das Pendel nun aber nicht zu weit in Richtung individueller Freiheiten und Rechte ausgeschlagen ist. Wohin führt es, wenn dem Staat in der Situation einer Pandemie das Recht abgesprochen wird, individuelle Freiheiten einzuschränken, um das Leben der vielen zu schützen? Kann das „Ich will aber!“ wirklich Maßstab unseres Handelns sein?

Dietrich Bonhoeffer hat sich mit dem Problem von Verantwortung undFreiheit intensiv auseinandergesetzt. Für ihn gewinnen Freiheit und Verantwortung ihre Ausrichtung in der Bindung an Gott und den Nächsten. „Wo immer Mensch und Mensch einander begegnen, dort entsteht echteVerantwortlichkeit... Verantwortung ist die ganze der Wirklichkeit angemessene Antwort auf den Anspruch Gottes und des Nächsten.“, schreibt Bonhoeffer in seiner „Ethik“.

Freiheit ist also keine willkürliche und keine verantwortungslose Freiheit. Bonhoeffer betont auch, dass wir immer wieder in Entscheidungssituationen stehen, in denen es kein absolut Gutes gibt. Oft wird es nur darum gehen, ein relativ Besseres dem relativ Schlechteren vorzuziehen. Und dabei werden wir auch immer wieder Fehler machen. Dessen sollten wir uns alle bewusst sein, wenn wir um den rechten Weg in der Pandemie streiten. Damit könnte die Diskussion auch an Sachlichkeit gewinnen.

Wir haben heute die nötige Wissenschaftund das nötige Wissen, um die Bedrohung durch das Corona-Virus zu erkennen und zu verstehen. Wir haben die nötigen technischen und organisatorischen Mittel, um gegen diese Bedrohung des Lebens anzugehen. Bleibt noch das Verhalten eines jeden einzelnen, das über die Wirksamkeit dieser Mittel entscheidet. Bonhoeffer schrieb einmal: „Mit allem ist der Mensch fertig geworden, nur nicht mit sich selbst. Gegen alles kann er sich versichern, nur nicht gegen den Menschen. Zuletzt kommt es doch auf den Menschen an.“(DBW 8, S.557) So ist es. Und wir sind Menschen, wenn wir der Verantwortlichkeit für unser Verhalten und Handeln nicht ausweichen. Wo wir uns dieser Verantwortung nicht stellen und ihr nicht gerecht werden – auch durch Einschränkung unserer Freiheit - , sind wir die Ratten in dieser Pandemie.

Ihr Pfarrer