Die treue Dienerin

Wohl oder übel mussten wir uns daran gewöhnen, dass das Vollgeläut unserer beiden Kirchen derzeit nur aus je zwei Glocken besteht. Gebrauchs- und Alterungsschäden zwangen dazu, in jedem Turm eine Glocke stillzulegen. In Beerbach ist das seit Oktober 2017 der Fall, in Neunhof bereits seit September 2005. Die 1922 für St. Johannis beschafften zwei Eisenhartgussglocken befinden sich in einem besonders schlechten Zustand. Dies zwang dazu, dort die Glocke I vollständig außer Betrieb zu stellen und die Glocke III nur noch eingeschränkt einzusetzen. Das Tagzeitenläuten um 6, 11, 12 und 19 Uhr wird nun seit 15 Jahren allein von Glocke II ausgeführt, obwohl sie die älteste von den dreien ist und man ihr vielleicht etwas Schonung gönnen möchte. Doch unbeirrt erfüllt sie tagaus tagein ihre Pflicht und beweist damit, dass das edle Material Bronze weitaus belastbarer ist als Gusseisen. Grund genug, gerade diese „alte Dame“ etwas näher kennenzulernen.

Bei einem Durchmesser von 97 cm und einer Höhe von 71 cm bringt sie stattliche 550 kg auf die Waage und es ist angesichts ihrer historischen Bedeutung nicht unhöflich, ihr Alter zu verraten, nämlich 223 Jahre! Die Jahreszahl 1797 findet sich auch als Inschrift auf dem Glockenmantel zusammen mit dem Vermerk:

GOSS MICH ARTILERIE LEVTENANT STVMM IN NVRNBERG.

Andreas Philipp Stumm erwarb 1753 das Meisterrecht und schuf neben Glocken auch Epitaphien und Geschütze, worauf die Bezeichnung 'Artillerieleutnant' hinweist. Im fränkischen Raum findet man noch über 20 Glocken aus seiner Werkstatt, darunter für die Stadtkirche St. Michael in Fürth, die Friedhofskirche St. Salvator in Lauf, die Peterskapelle in Nürnberg und die Pfarrkirche in Großgründlach.

Das Neunhofer Exemplar weist reich ornamentierte Friesbänder auf, auch die Henkel der Krone, mit der die Glocke am Glockenstuhl befestigt ist, sind verziert. Ihrem Alter und ihrer formschönen Gestalt ist es zu verdanken, dass diese Glocke das Prädikat „wertvoll, nicht abzuliefern“ erhielt. Somit entkam sie im Unterschied zu ihren beiden Schwestern der Ablieferung für Rüstungszwecke im Ersten Weltkrieg und musste den Läutdienst 5 Jahre allein verrichten, ehe 1922 wieder zwei weitere Glocken geweiht werden konnten.

Stolze 637 Gulden und 39 Kreuzer hatte die Glocke 1797 gekostet. Neben Beiträgen der Oberkirchenherrschaft und dem Erlös vom Holzverkauf aus den Kirchenwäldern wurde diese Summe durch eine Sammlung in allen Orten der Pfarrei aufgebracht, obwohl die allgemeine Wirtschaftslage durch die Revolutionskriege und eine Viehseuche schwer beeinträchtigt war. Es zeugt vom guten Miteinander in der Gemeinde, dass sich in der Spendenliste nicht nur 39 Neunhofer Familien, sondern auch 20 aus Simonshofen, 19 aus Großgeschaidt, 12 aus Beerbach sowie weitere 21 aus anderen Orten finden lassen.

Es fällt auf, dass die Glockenseniorin keine Inschrift mit einem religiösen Bezug aufweist. Sie trägt nur zweimal auf dem Mantel den Ortsnamen NEVNHOF sowie das Welser- und das Kolerwappen. Diese heraldischen Zeichen stehen hier weniger für die beiden Inhaber der Kirchenherrschaft, sondern sie verkörpern vielmehr die weltlichen Orts- und Gerichtsherren. Das wird verständlich, wenn man sich den besonderen zusätzlichen Dienstauftrag dieser Glocke bewusst macht: Sie diente als Gemeindeglocke des Ritterguts Neunhof und rief alljährlich zweimal zu den Gemeindeversammlungen. Dazu hatten sich sämtliche Inhaber von Bauernhöfen und -gütern, Hausbesitzer und Mieter aus Neunhof, Beerbach und Tauchersreuth „nach dem gemeinen Glockenstreich“ pünktlich im Saal des Gasthauses einzufinden. Es wurden die Gemeindeordnung verlesen, Beschwerden vorgebracht, Inhaber von Gemeindeämtern vereidigt und allgemeine Angelegenheiten der Gemeindeverwaltung besprochen.

Eine weitere wichtige Aufgabe übernahm die Glocke bei den Sitzungen des Schöffengerichts Neunhof. Auf den Ruf des Richters „Läut auf“ wurde der Angeklagte unter seelsorgerlicher Begleitung des Beerbacher Pfarrers aus dem Gefängnis neben der Kirche herbeigebracht und vor die Gerichtsschranken gestellt.

Im 19. Jahrhundert verlor die Glocke diese weltliche Aufgabe, nur an der zusätzlichen Besoldung des Mesners aus der kommunalen Gemeindekasse hielt man fest. So erhielt noch die Mesnerin Elisabeth Löhner bis 1983 jährlich 120 DM von der Stadtverwaltung Lauf, obwohl niemand mehr so recht wusste, wofür diese Entlohnung eigentlich gedacht war. Heute hat die alte Glocke allein die kirchliche Aufgabe, während des Vaterunsers im Gottesdienst auch die Daheimgebliebenen zum Gebet aufzurufen. Ein friedlicher und wichtiger Dienst, der ihr wohl auch in Zukunft bleiben wird, wenn ihr in absehbarer Zeit ihre beiden neuen Partnerinnen die vielen „Vertretungsdienste“ wieder abnehmen werden.

Ewald Glückert, Archivpfleger