Meine Zeit steht in deinen Händen

Der Einbau der Glocken ist beendet.
Bildrechte: Daniel Decombe

Endlich ist es soweit: in unseren beiden Kirchen erklingen wieder Glocken, laden mit ihrem Geläut zu Gebet und Gottesdienst ein und schlagen uns die Stunde. Sie künden uns von dem, was der Prediger sagt: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“ (Prediger Salomo 3,1) Sie erinnern uns daran, dass unsere Zeit in Gottes Händen steht, wie der Psalmbeter sagt (Psalm 31,16).

Neue Glocken – das erscheint anachronistisch in einer Zeit, in der Prozesse gegen das Geläut von Kirchenglocken geführt werden und Smartphone und Armbanduhr die Kirchturmuhren überflüssig machen. In einer Zeit, in der man Erdbeeren auch im Winter kauft und in der man noch spät in der Nacht Geld am Automaten zieht. In einer Zeit, in der das Leitmedium Internet immer und überall alles verfügbar macht und keine Uhrzeit kennt, bzw. die Uhr irgendwo ganz klein in ein Eckchen am Bildschirm verdrängt. In einer Zeit, in der Flexibilität hochgehalten wird und Rhythmen verloren gehen, in der sich der Takt aus dem Arbeitsalltag verabschiedet hat und die Zeitordnung des „Eins-nach-dem-anderen“ abgelöst ist von der Gleichzeitigkeit von vielem.

Wir haben viel Mühe und Geld in die neuen Glocken gesteckt. Für dieses Projekt haben viele Gemeindeglieder großzügig gespendet. Sind die Glocken doch nicht so sehr ein Anachronismus? Gibt es vielleicht doch auch eine Sehnsucht nach einer geordneten Zeit, in der jegliches seine Zeit hat, in der ich nicht im Chaos der Gleichzeitigkeit, der Beschleunigung, des Non-Stop-Betriebes, des Verschmelzens von Arbeitszeit und Freizeit untergehe? Sehnsucht nach einer Zeit, die in Gottes Händen steht, weil wir uns sonst so unbehaust in unserer Welt fühlen?

Unsere Glocken strukturieren – ganz altmodisch – die Zeit. Der Uhrschlag zeigt die Stunde an. Er erinnert uns daran, dass die Zeit vergeht. Dass die Zeit Gottes Zeit ist, die er uns zum Leben gewährt, und dass sie begrenzt ist. Das Geläut der Glocken unterscheidet den Feiertag vom Arbeitstag und markiert mehrmals am Tag die Gebetszeiten – also Auszeiten vom Alltag, von der Arbeit und aller Selbstbezogenheit. Es erinnert uns an Gott, an den Gott, in dessen Händen unsere Zeit steht.


Aus biblischer Sicht dient solche Strukturierung dem Leben und entspricht einem menschlichen Bedürfnis. Chaos ist in der Bibel lebensfeindlich. Und so erzählt die Schöpfungsgeschichte, dass Gott am Anfang Ordnung schafft, er strukturiert die Lebenswelt der Menschen, scheidet Wasser und Land, Licht und Dunkelheit, Tag und Nacht, Winter und Sommer. Und er setzt den Sabbat ein, den Feiertag, der frei sein soll von aller Arbeit. Das Sabbatgebot ist keine Last, die Gott dem Menschen auferlegt. Es zeigt vielmehr, dass Gott dem Menschen gnädig ist; dass er will, dass der Mensch frei ist: frei von Pflicht, frei von Arbeit, frei für Feier und Freude, frei für Gott. Jesus hat das später so ausgedrückt: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ (Markus 2,27)
Unsere Glocken erinnern uns an diese heilsamen Rhythmen. Sie rufen uns heraus aus unseren individuellen Rhythmen hinein in die Gemeinschaft eines gemeinsamen, wohltuenden Rhythmus. Sie erinnern uns an den Gott, in dessen Händen unsere Zeit steht. Und ich hoffe und wünsche
Ihnen, dass sie diesen Dienst auch noch in Jahrhunderten versehen und Menschen zu Gott rufen.

Ihr Pfarrer