Zu der neunten Stunde

Kreuzigung und Auferstehung Christi dargestellt auf dem Geigerschen Epitaph in St. Egidien, 1590
Bildrechte: Helmut Meyer zur Capellen

„Warum läutet es denn nicht mehr am Freitag um 9 Uhr?“. Diese Frage wurde in letzter Zeit öfters mal in der Gemeinde gestellt. „Hat das etwas mit den neuen Glocken zu tun?“

Zuerst einmal ist es erfreulich, dass auch heute noch auf das Läuten geachtet wird, jedenfalls in den Orten unserer weitverzweigten Gemeinde, in denen je nach Wetterlage, Entfernung und Verkehrslärm der Glockenklang überhaupt vernehmbar ist.

Unmittelbar mit dem neuen Geläut hat das Entfallen des 9-Uhr-Läutens an Freitagen nichts zu tun. Vielmehr war die Anschaffung der neuen Glocken Anlass für den Kirchenvorstand, sich einmal mit der sogenannten „Läuteordnung“ und ihren in Beerbach und Neunhof unterschiedlichen Varianten zu befassen. Die daraus entstandene neue Ordnung brachte unter anderem das Ergebnis, dass nunmehr für beide Kirchen die gleichen Regeln gelten und diese auch in die elektronische Steuerung des Tagzeitenläutens einprogrammiert sind.

In der neugefassten „Läuteordnung der Evang.-Luth. Kirchengemeinde
Beerbach für die St. Egidienkirche in Beerbach und die St. Johanniskirche in Neunhof“ vom 26. März 2021 findet sich auch das „Scheidegeläut“ wieder, das nunmehr freitags um 15.00 Uhr für 3 Minuten mit der größten Glocke von den beiden Türmen erklingt. Diese Regelmäßigkeit wird nur dann ausgesetzt, wenn der Freitag auf den 24. Dezember, die beiden Weihnachtsfesttage, den Neujahrstag oder das Epiphaniasfest fällt, oder zu dieser Zeit ein Gottesdienst stattfindet (z. B. eine Beerdigung).

Das Scheidegeläut (in der Umgangssprache: „Schiedläuten“) ist keine Eigentümlichkeit unserer Gemeinde, sondern Bestandteil der Läuteordnung der evangelisch-lutherischen Gemeinden in ganz Deutschland und wurde 1955 vom Liturgischen Ausschuss auf der Grundlage älterer regionaler Regelungen beschlossen. Es wird am Freitagnachmittag um 3 Uhr „zum Gedenken an das Verscheiden Jesu“ ausgeführt. Nicht nur in der Passions- und Osterzeit, sondern in jeder Woche des Jahres werden wir also an die Erlösungstat Jesu am Kreuz (Karfreitag) durch das Läutzeichen und an seine Auferstehung, den Sieg über den Tod, am ersten Tag der Woche (Ostern) durch die Feier des Sonntags erinnert!

Die Sterbestunde Jesu begehen wir am Karfreitag mit einer Andacht um 15 Uhr gemäß den Berichten der Evangelisten: „Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut: … Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? … Aber Jesus schrie laut und verschied“ (Markus 15, 34-37 in Auswahl). An dieses für jeden Christen so bedeutungsschwere Geschehen erinnert auch das Scheidegeläut, und man meinte, es damit ganz genau nehmen zu müssen, denn da steht ja: „zu der neunten Stunde“, also früh um 9 Uhr? Man tat es in Unkenntnis der antiken Tageseinteilung, die zur Entstehungszeit des Neuen Testamentes üblich war: Die römischen Tagzeiten orientierten sich nach Sonnenauf- und -untergang und setzten mit ihrer Zählung im Morgengrauen nach Ende der Nachtwache um 6 Uhr ein. Somit verschiebt sich die neunte Stunde auf 15 Uhr unserer Tageszeitrechnung.

Kreuzigung und Auferstehung Christi dargestellt auf dem Geigerschen Epitaph in St. Egidien, 1590.